O(N) Kunstrasen, O(N) Kunstrasen
Weihnachten beim SV Orsingen-Nenzingen
Eine Weihnachtsgeschichte von Steffen Maier
„O(N) Kunstrasen, O(N) Kunstrasen – wie grün sind deine Polypropylen-Fasern! Du grünst nicht nur zur Sommerzeit, nein, auch im Winter…“ – ach komm, genug von dieser künstlich-besinnlichen Einstimmung.
Es wird Zeit für die gnadenloseste Abrechnung im Fußball seit Trapattonis „Flasche leer“. Für den größten Unsinn seit Daums freiwilligem Koks-Test. Für den Lothar Matthäus unter den Weihnachtsgeschichten: viel erlebt, wenig verstanden, aber zuverlässig immer für eine Schlagzeile gut.
Eine Geschichte wie Rudi Völler: Ein Tiefpunkt jagt den nächsten. Hauptsache die Friese sitzt. Prall gefüllt mit ganzen und halben Wahrheiten, großem und kleinem Unsinn. Locker lässig, als wären schon drei Weizen drin. Eben wie das Catering des heutigen Abends: mehr Schein als Sein. Wobei – immerhin lässt der Verein die Lebensmittelkarten springen. Zustände wie damals im Osten, lange vor Looking for Freedom und dem Soli… und lange vor Matthias Sammer. Diesem kahlköpfigen, Josu – ah freudscher Versprecher – diesem kahlköpfigen Fußballprofessor, dessen selbstgefälliges Dozieren jedem Ball Kreislaufprobleme macht.
Letztes Jahr – ihr erinnert euch – steckte die Erste Mannschaft des SVON noch tief im Krippenspiel-Fieber. Dieses Jahr geht’s, ein Glück, stiller zu. Der Trainerwechsel zeigt Wirkung. Zumindest neben dem Platz. Hinterzimmer statt Broadway in New York. Goldfisch statt Knallfrosch.
Lasst uns also gemeinsam eine kleine Runde drehen und sehen, wie die fußballfreie Zeit bei den Spielern des SV Orsingen-Nenzingen so abläuft.
Präsi Frank hat die besinnlichen Tage wie immer mit weizen- äh wissenschaftlicher Präzision vorbereitet. Die Arbeitspläne stehen, umsetzen kann sie wer will. So staunt seine Elfi nicht schlecht, als Sohn Nico bereits Ende November unter väterlich strengem Blick die neueste Errungenschaft ins Veitsche Wohnzimmer hievt. In fröhlicher Erwartung vor einem Glas Hefe-Hurra summt Frank Bonez MCs ewig-grandiosen Klassiker: „Ohne Sand, aber macht nichts, drehe Runden auf′m Roller, wird ′n bisschen kalt, wenn es Nacht ist, ich verbrenne mein Weed, unterm Weihnachtsbaum aus Plastik“ – und schon steht er da: der neue Plastikbaum. So grün, dass selbst Winni Kretschmann Minderwertigkeitskomplexe bekommt. Make Polythan great again!
Auch im Hause Buhl wird gefeiert. Cordel ackert wie jedes Jahr stundenlang in der Küche, während die Herren der Schöpfung ihre traditionelle Weihnachtslotterie „El Gordo“ veranstalten. „El Gordo“ ist übrigens spanisch und bedeutet „der Dicke“, oder etwas freier übersetzt „der Paddi“. Bei Buhls Lotterie geht es allerdings weniger um Millionen sondern viel mehr um Ruhm, Ehre und jede Menge Alkohol. Nach Ziehung des Gewinners kann keiner drei Buhlschen Herren mehr sprechen, dafür schlafen Felix, Paddi und Mäcki so selig am Tisch, dass selbst Esel und Ochse im Stall rührselig mit den Ohren wackeln würden. Statt Stroh in der Krippe: Asbach-Cola im zentralen Nervensystem. Statt ‚Ihr Kinderlein kommet‘: ‚Trink, trink, trink, Brüderlein trink‘ – als Solo versteht sich.
Nils und Tom verbringen Heiligabend gemeinsam. Beim Schrottwichteln überreichen sich die beiden gegenseitig Trainingsklamotten, die der jeweils andere in den Kabinen diverser Bezirksligavereine zuletzt hatte liegen lassen. Zur Überraschung beider hat Neuzugang Marvin das ein oder andere Stück aus seinen FSG-Zeiten eingepackt und unter den Baum geschmuggelt. Raus mit de Viecher. Tom und Nils ist’s egal. Einer geschenkten Mütze schaut man nicht aufs Emblem. Selbst wenn der SVON doch einmal wider jeder Erwartung untergehen sollte, Blödheit überlebt für alle Ewigkeit.
Bei Fritschis gibt’s in diesem Jahr Käsefondue. Den ersten Brocken Brot mit Käse überzogen kaum geschluckt, lässt Max selbigen schon wieder in Freiheit zurück. Den restlichen Abend verbringt er auf dem Porzellan-Altar der Reflexion. Das wars für heute – der Magen macht dicht. Käse wohl nicht.
Bei Stehles gibt’s in diesem Jahr besonders praktische Geschenke zum Fest der Feste: Klaus packt das in Zeitungspapier eingewickelte Lastenrad in stundenlanger Detailarbeit akribisch aus. Ausgezeichnet: mit dem Pedal-Panzer kann er künftig die Altglasberge nach dem Oktoberfest in einem Rutsch zum örtlichen Container kutschieren. Und der längst ausgediente weiß-graue Caparol-Farbeimer kann in den lang ersehnten Ruhestand. So ist Florian Lipowitz, das ist übrigens der Typ, der aufs Tour de France-Treppchen fuhr, wieder der deutsche mit den meisten auf einem Zweirad zurückgelegten Jahreskilometern.
Kevin bekommt im Gegenzug ein deutlich kleineres Geschenk. Aus einem recycelten Briefumschlag, in der zuvor die Kündigung der Mitgliedschaft von Thaddäus Birzele zu finden war, steckt eine übertragbare BahnCard 100 – so kann Kevins Herzdame künftig statt im Papamobil per ÖPNV zu seinen Auswärtsspielen reisen.
Bei Familie Ruddies ists ganz traditionell: Stille Nacht. Lied aus.
Auch unser 2. Vorstand Hannes freut sich auf die Bescherung. In diesem Jahr hat er extra einen Wunschzettel angefertigt. Auf ein Kaugummi-Papierchen schrieb er vor einigen Wochen mit vom Havanna noch ganz krakeliger Schrift seinen einzigen Wunsch: endlich ein guter Fußballer zu sein. Doch am Tag der Tage, im Schneidersitz vor den funkelnden Lichtlein des Weihnachtsbaums sitzend, überbringt sein Onkel Werner Hannes die bittere Nachricht. Früher, so Schäuble Senior, waren da Ehrgeiz und Spielübersicht. Auf was Werner einst 10 Jahre warten musste, hatte Hannes in kürzester Zeit wieder eingerissen. Bier-Ranzen statt Talent. Harte Show statt feine Klinge. So sei Hannes von weitem kaum noch von Cousin Dennis zu unterscheiden. ‚Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen, können sie geschehen…‘.
Im Hause Schafhäutle – kennt den hier noch wer? – muss beim Aufbau der Krippe erneut improvisiert werden. Schon in den vergangenen Jahren tauchten mehr und mehr Figuren ohne Gliedmaßen auf. Selbst die Engel sind inzwischen vollständig amputiert. So macht das vermooste Ding doch nun wirklich keinen Sinn mehr. Im nächsten Jahr muss was Neues, Frischeres her. Kruli, ich spreche von der Grippe.
Auch Olli Link hat’s erwischt. Beim Playstation-Zocken in der Schädlingsvernichter-WG in Mitten der Kreisstadt hat er sich den Fingernagel des linken Ringfingers gezerrt. Super-GAU.
Für Familie Kreiser ist der Weihnachtsabend Synonym für das große Fressen. Marco sagt kurzfristig ab – ein lang ersehntes Date mit einer kroatischen Freizeitdirne aus Singens Südstadt kann er sich nun wirklich nicht entgehen lassen. Ein Glück hat er die Familiengruppe in der WhatsApp-Favoritenliste gespeichert und den entsprechenden Textbaustein auf Kurzwahl. Bruder Lasse ist aber dabei. Allerdings kommt er zunächst drei Stunden zu spät – das Vorglühen im Clubhaus ging mal wieder etwas länger – um dann den Rest des Abends in Gänze zu verschlafen. Immerhin beim Aufräumen ist traditionell auf ihn verlass. Ralf ist da. Und es gibt reichlich. Von allem.
Die Stemmer-Brüder feiern dieses Jahr zusammen in Ischgl. Hütte am Ende der Welt, aber billig war sie. Statt Holiday-Check-Voucher regelt die Mannschaftskasse. Auf den Nacken anderer säuft sich doch immer noch am meisten. Bei der Wahl des Festessens verlassen sich die beiden aus gutem Grund nicht auf die eigene Intelligenz. Stattdessen hilft ChatGPT: Zu Haferflocken gibt’s warme Bolognese-Sauce und ein leichtes Stretching.
Robin muss spätabends noch raus. Nein, ausnahmsweise kein Rohrbruch. Dafür ist bei Mama Rosi und Jochen schlechte Stimmung angesagt. Jochen wurde zwar der am schönsten halbseitig beleuchtete, dafür jedoch nur drittgrößte Weihnachtsbaum Deutschlands zugesprochen. Ausgerechnet Uli Hoeneß hat in seinem kleinteiligen Garten am Tegernsee die größte Tanne stehen. Dieser vermaledeite Möchtegern-Millionär. Dieser Wurstwasserbaron hat wohl noch nie zu tief in die Kanalisation geatmet.
Lennis Geschenk kommt in diesem Jahr von Philipp. Also versteht mich nicht falsch. Es ist nicht so, dass Philipp Lenni ein Geschenk zu Weihnachten besorgt hat. Es ist viel mehr so, dass Philipp Lenni gegen Unterschrift ein Geschenk überlassen hat. Ein hoch auf unseren Postler. Lieber ein Brief in der Hand als hundert auf dem Schreibtisch. So kam es also: Das Paket mit dem Paket. Lennis Paket hat ein gräfliches Siegel. Das lang ersehnte iPhone. Model 3GS. Aber immerhin gab’s ne Literflasche Babyöl dazu. Wofür auch immer.
Enden wird diese Geschichte mit einer Hiobsbotschaft: Bei Familie Probst fällt Weihnachten in diesem Jahr aus. Papa Manu kann im Moment einfach nicht so da sein, wie er das müsste. Manchmal ist das Glas halbvoll, manchmal halbleer. Und manchmal ist einfach nichts mehr drin. Bullshit. Zitat Ende.
Und die Moral von der Geschicht’?
Perfekt wird Weihnachten einfach nicht.
Drum hebt das Glas, trinkt Bier, trinkt Wein –
bald rollt der Ball wieder und die Fasnet zieht ein.
Spätestens dann begreift ein jeder Narr geschwind:
Wie trostlos Tage ohne Fußball sind.
Frohe Weihnachten und ein guter Start in ein gesundes, glückliches und erfolgreiches neues Jahr!